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Evidenz und evidenzbasierte Praxis

by Riccardo Stadler

Evidenz und evidenzbasierte Praxis

Wie bewerte ich die Evidenz wissenschaftlicher Daten und welche Empfehlungen resultieren daraus?

Der Begriff Evidenz (evidence) wird sowohl im wissenschaftlichen Kontext als auch umgangssprachlich verwendet. Umgangssprachlich kann er als „Gewissheit“, „Nachweis“, „Beleg“ oder „Beweis“ interpretiert werden. Interpretiert man die Evidenz jedoch (wissenschaftlich) als Skala, wäre das untere Ende im Bereich „Anhaltspunkt“, „Anzeichen“, „Möglichkeit“, das obere Ende im Bereich „völlige Klarheit“, „Offensichtlichkeit“, „Beweis“(Mangold, 2013).

Evidenzklassen und Empfehlungsgrade

Die unterschiedliche Studientypen besitzen aufgrund unterschiedlicher formaler und inhaltlicher Qualität und Vertrauenswürdigkeit auch einen bestimmten Evidenzgrad. Dieser Evidenzgrad gibt uns Rückschlüsse darauf, ob die Forschungsarbeit qualitativ hochwertig ist (interne Validität) und ob man die Ergebnisse wissenschaftlich übertragen kann (externe Validität) (Fröhlich, Mayerl, Pieter & Kemmler, 2020).  Eine grobe Reihenfolge für den Evidenzgrad könnte so aussehen:

Metaanalyse > RCT > Kohortenstudie > Fall-Kontroll-Studie > Expertenmeinung 

Die nachfolgende Abbildung ergänzt und veranschaulicht die Evidenzgrade von Studien:

Evidenzgrade von Studien (modifiziert nach AHRQ)

Die Abbildung veranschaulicht, dass Metaanalysen und systematische Reviews das höchste Evidenzlevel besitzen. Jedoch muss man ihre Validität und Relevanz zunächst kritisch betrachten und prüfen. Dabei kann man häufig feststellen, dass durch eine Kombination unterschiedlicher Belastungsnormativen und Trainingsprinzipien eine große Vielfalt möglicher Trainingsprotokolle vorliegen, welche dieselbe Fragestellung der Analyse beantworten sollen. Dadurch kommt es schnell zu einer Zusammenführung nicht vergleichbarer Studien innerhalb der Metaanalyse/des Reviews, zu einer Äpfel-Birnen-Problematik. Möglichst vergleichbare Untersuchungen zu finden und einzuschließen ist oftmals schwierig, da exakt dieselbe Forschungsfrage nicht mehrfach adressiert wird. Deswegen sollte man in der Praxis die Ergebnisse immer kritisch hinterfragen und sich die inhaltlichen Differenzen der unterschiedlichen Studien anschauen. 

Die Einteilung unterschiedlicher Evidenzklassen resultiert in Empfehlungsgraden, mit denen eine Anwendungsoption der Praxis belegt werden kann. Der Empfehlungsgrad beschreibt also, wie hoch und konsistent die vorliegende Datenlage ist, die zur Ableitung der Empfehlung der entsprechenden Anwendung führt. 

Es gibt aber auch Trainings- und Behandlungsmethoden, bei denen keine wissenschaftlichen Studien vorliegen, möglich oder geplant sind. Besteht innerhalb der Konsensgruppe dafür eine Übereinkunft über die Wirksamkeit, so kann diese Methode den Empfehlungsgrad Good Clinical Practice (GCP) erhalten (Fröhlich et al., 2020).

Empfehlungsgrade (modifiziert nach Bundesärztekammer et al. 2017)

Movement-Coaching-Fazit: Evidenzbasierte Praxis

Die evidenzbasierte Praxis (EBP) beschreibt den gewissenhaften, ausdrücklichen und vernünftigen Gebrauch der gegenwärtig besten externen, wissenschaftlichen Evidenz für Entscheidungen in der medizinischen Versorgung individueller Patienten (Cochrane Deutschland). Die EBP stellt eine wichtige Säule in der Sportwissenschaft, Physiotherapie und Medizin dar. 

Deshalb sollte ein jedes Bewegungsprogramm im Einklang mit evidenzbasierten Daten getroffen werden, um so das Anwenden wissenschaftlicher Forschung in der Praxis zu erreichen. Die EBP und GCP müssen sich für ein sinnvolles und funktionelles sportwissenschaftliches Training ergänzen.  

Literaturverzeichnis

Fröhlich, M., Mayerl, J., Pieter, A. & Kemmler, W. (2020). Einführung in die Methoden, Methodologie und Statistik im Sport. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg.

Mangold, S. (2013). Evidenzbasiertes Arbeiten in der Physio- und Ergotherapie. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg.

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